Blindes Sehen: Blindsight (Rindenblindheit)

Es gibt Menschen die können sehen, obwohl sie nicht sehen können. In der Medizin nennt man das Rindenblindheit, und in den USA hat man dafür den schönen Begriff: Blindsight – blindes Sehen. Die Augen sind bei diesen Menschen voll funktionsfähig – nur die primäre Sehrinde im Kortex des Gehirns ist defekt, oftmals aufgrund eines Schlaganfalles.

Bewusst können diese Menschen nichts sehen – aber wenn Du so einem Menschen eine Postkarte in die Hand drückst und ein diagonaler Schlitz in der Wand ist (diagonal, weil sie dann nicht einfach “erraten” können dass es zum Beispiel ein normaler vertikaler Briefkastenschlitz ist), werden sie die Postkarte trotzdem in den Schlitz stecken – ohne etwas ertasten zu müssen.

Solche Leute können beispielsweise auch einen Flur entlanggehen der mit Hindernissen verstellt ist – und dabei die Hindernisse ganz mühelos umgehen ohne anzustoßen oder zu tasten. Das folgende Video zeigt wie so ein Patient Hindernisse umgeht:

Wenn die diesen Menschen einfache geometrische Formen zeigst können sie diese Formen mit viel höherer Trefferquote “erraten” als man das könnte wenn man tatsächlich nichts sieht.

Visuelle Informationen kommen also durchaus über das Auge ins Gehirn bei diesen Menschen – jedoch dringen die Bilder nicht bis ins Bewusstsein vor.

Auch wenn man diesen Leuten Farben zeigt, können sie die Farben oft richtig erraten.

Wenn man ihnen vertikale und horizontale Balken auf einem Bildschirm zeigt können sie ebenfalls mit einer deutlich höheren Trefferquote richtig “raten” als man das könnte wenn man blind ist.

Wie kann das sein?

Neurowissenschaftler vermuten dass es zwei visuelle Systeme gibt; eines, welches dafür zuständig ist Dinge zu erkennen (ventraler temporaler Pfad, auch Was-Strom genannt), und eines, welches dafür zuständig ist unsere Bewegungen zu koordinieren (dorsaler parietaler Pfad, auch Wo-Strom genannt). Ersteres ist bewusst, zweiteres unbewusst. Diese These wird two stream hypothesis genannt.

Bei Rindenblinden wäre also das erste System defekt, aber das zweite durchaus noch intakt.

Das ist für uns gesunde Menschen schwer vorstellbar – aber tatsächlich kann jeder Mensch dieses Phänomen selbst erleben. Dazu bedarf es freilich einer komplexen medizinischen Ausrüstung und der Bereitschaft sich einem Experiment zu unterziehen. Den Wissenschaftler sind im Stande mittels Transkranieller Magnetstimulation (TMS) die primäre Sehrinde im Kortex kurzzeitig zu deaktivieren. Das bedeutet: es gibt tatsächlich eine Maschine die einen bestimmten Gehirnbereich kurzzeitig lahmlegen kann, und dann kann auch ein gesunder Mensch kurzzeitig “rindenblind” sein.

Es ist auch interessant, dass dieses “blinde Sehen” nicht immer funktioniert, und nicht so zuverlässig wie normales Sehen ist. Scheinbar gibt es Faktoren welche dieses blinde Wahrnehmen aktivieren, doch woran es liegt dass es manchmal akkurat wahrnimmt und manchmal nicht, das ist bis heute ein erklärtes Geheimnis.

Wer englisch spricht, der findet hier auch ein Video zum Thema Blindsight mit dem renommierter Neurowissenschaftler Vilayanur Subramanian Ramachandran:

Und hier ein weiteres Video zum Thema Blindsight, auch wieder in Englisch:

Auch wenn wir vieles über dieses faszinierende Phänomen noch immer nicht verstehen, so offenbart es uns doch einen Einblick darein, dass unser Unterbewusstsein eine große Macht in unserem Leben hat. Deshalb ist das vorrangige Ziel des Mentaltrainings immer die Hilfe des Unterbewusstseins für das Erreichen bewusster Ziele zu elizitieren.

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