Daniel Kahnemann: Schnelles Denken, langsames Denken

Das neue Buch von Nobelpreisträger Daniel Kahneman, Schnelles Denken, langsames Denken
hat international schon für Aufsehen gesorgt. Kahnemann ist einer der weltweit führenden Experten beim Thema “Entscheidungen treffen”. Jetzt erscheint es auch in deutscher Sprache, hier der Buchtrailer.

Im Grunde genommen geht es bei Schnelles Denken, langsames Denken um zwei verschiedene mentale Systeme, sozusage zwei unterschiedliche Arten des Denkens zwischen denen wir beständig wechseln.1

Dabei geht es nicht nur um die Denkgeschwindigkeit – es geht auch um intuivites versus wohlüberlegtes, rationales Denken, und andere Facetten unseres Denkens.

Stell Dir vor Du hörst die Stimme eines Mannes der sagt: “Ich glaube ich bin schwanger.”

Dein Gehirn erkennt sofort, dass hier irgendetwas ungewöhnlich ist, dass irgendetwas nicht zusammenpasst. Du musst nicht erst überlegen – das ist schnelles Denken.

Es ist ein gedanklicher Prozess der beständig abläuft, und der Bekanntes von Unbekanntem unterscheidet, und zwar innerhalb von Sekundenbruchteilen.

Wenn ich Dich frage: Was ist 2+2?

Dann weißt Du sofort: 4! Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen, Du musst nicht erst nachdenken. (Schnelles Denken).

Aber wenn ich Dich frage: Was ist 13*18?

Nun, schnelles Denken hilft Dir hier wahrscheinlich nicht weiter. Stattdessen setzt sich jetzt langsames Denken in Bewegung, und wenn Du es lange genug machst (ohne zum Taschenrechner zu greifen) dann wirst Du (hoffentlich) auf die Zahl 234 kommen. Aber es war ein bisschen anstrengend und mühselig zu diesem Ergebnis zu kommen, im Vergleich zu 2+2. )

Langsames Denken ist bewusst, zielgesteuert, absichtlich. Schnelles Denken geschieht größtenteils ohne unser Bewusstsein.

Mentale Kraftreserve: Eine erschreckende Studie

Langsames Denken ist auch anstrengend, es kostet uns (mentale) Energie. Um das zu illustrieren wollen wir hier kurz eine im Buch zitierte Studie vorstellen:

Eine Gruppe von erfahrenen Richtern waren in dieser Studie die Versuchskaninchen.

Es wurden die Urteile von Richtern untersucht. Sie sollten bestimmen ob Häftlinge auf Bewährung freigelassen werden, oder weiter im Gefängnis bleiben.

Die Forscher fanden heraus: die Urteilssprüche der Richter hatten weniger mit den individuellen Fällen zu tun, und mehr mit dem Tagesablauf der Richter.

Die Richter haben viel mehr Leute auf Bewährung entlassen, wenn der Fall unmittelbar nach der Mittagspause anstand. Die schlechtesten Chancen hatten Häftlinge, wenn ihr Fall dann drangekommen ist nachdem sie schon mehrere Stunden am Stück gearbeitet haben – hier wurden die meisten Bewährungsanträge abgelehnt.

Daniel Kahnemann erklärt das Phänomen durch mentale Müdigkeit. Er sagt, dass die Arbeit von Richtern in erster Linie langsames Denken beansprucht, was eben anstrengend ist – und wenn man es über mehrere Stunden hinweg betreibt, sind die mentalen Energiereserven irgendwann ausgelaugt. Und wenn die mentalen Energiereserven ausgelaugt sind, ist es menschlich im “Standard-Modus” zu denken. In diesem Fall: er sitzt schon im Gefängnis, also lieber nichts dran ändern.

Nach einer Pause und einer Mahlzeit hindoch fühlen sich die Richter nicht nur frisch, sondern auch ihre mentalen Energiereserven sind wieder aufgeladen.

Worum geht es in Schnelles Denken, langsames Denken?

Das Buch ist eine Art Zusammenfassung dessen, was Kahnemann innerhalb von Jahrzehnten über Psychologie, Verhaltensökonomie und Neurobiologie gelernt hat. Es ist nicht gerade das typische, motivationsgeladene “Du kannst alles” Buch – aber es ist ein sehr sorgfältig recherchiertes und wissenschaftlich fundiertes Buch.

Tatsächlich ist es in vielerlei Hinsicht sogar ein Buch mit einem oberflächlich betrachtet negativem Unterton: es deckt auf, wie oft uns unser Denken in die Irre führt. Es zeigt ein Phänomen, welches die meisten von uns aus dem Alltag kennen: Ja, wir sind zu Veränderungen fähig, aber meist nur in kleinen und mühsamen Schritten. Denn der Einfluss den biochemische Vorgänge, welche ohne unser bewusstes Zutun in unserem Gehirn vor sich gehen, auf uns haben, ist größer als wir oftmals glauben.

Ein anschauliches Beispiel für eine weitverbreitete Denkfalle ist der sogenannte Ankereffekt. Der Ankereffekt besagt dass willkürliche Zahlen unser Urteilsvermögen beeinflussen.

Ein Beispiel? Nun, schätze einmal wie viele afrikanische Staaten Mitglied der UN sind.

Was auch immer Deine Antwort ist – kannst Du Dir vorstellen, dass so etwas willkürliches wie das Drehen eines Rouletterades Deine Antwort beeinflusst hätte? Experimente haben gezeigt, dass Menschen bei denen ein Rouletterad bei einer hohen Zahl stehenbleibt auch eine deutlich höhere Zahl an Mitgliedsstaaten schätzen, während Menschen bei denen eine niedrigere Zahl beim Rouletterad herauskommt weniger afrikanische Mitgliedsstaaten als Mitglieder der UN vermuten.

Welche Bewandnis hat das für unser Alltagsleben?

Nun, zum Beispiel wenn es um Preise geht: in einem Katalog in dem 90% der Artikel 100 Euro oder mehr kosten erscheint ein Artikel der 20 Euro kostet günstig. In einem Katalog in dem jedoch 90% der Artikel 5 Euro oder weniger kosten erscheint ein 20 Euro Artikel teuer. Kaufentscheidungen, Verhandlungen – und sogar richterliche Urteilssprüche werden durch willkürliche Zahlen beeinflusst.

Studien haben bewiesen dass selbst erfahrene deutsche Richter eine Ladendiebin zu einer höheren Haftstrafe verurteilt hatten, wenn sie vorher eine hohe Zahl gewürfelt haben! 

Eine der Kernthesen von Schnelles Denken, langsames Denken, ist, dass viele, wenn nicht sogar die meisten, der Entscheidungen wie wir Tag für Tag treffen in unserer neurologischen Verdrahtung begründet sind, und nicht so sehr durch unsere bewusste Persönlichkeit. Sind wir tatsächlich Sklaven unseres Nervensystems, mit nur einem kleinen Ausmaß an eigener, unabhängiger, selbstständiger Entscheidungsfreiheit? Das ist eine Frage, welche Kahnemann’s Buch aufwirft.

Auch bietet Kahnemann keine Hilfestellung an, wie Du Dein Denken verändern kannst – er zeigt lediglich auf, weist darauf hin wie Du denkst und welchen kognitiven Verzerrungen Dein Denken unterliegt.

Kahnemann hat zusammen mit seinem Kollegen Amos Tversky vor 10 Jahren den Nobelpreis bekommen. Ausschlaggebend dafür war die Neue Erwartungstheorie2, mit der zum Beispiel nachgewiesen wurde dass Menschen durch Verlust stärker motiviert werden als durch Gewinn.

Auf 3sat gibt es übrigens ein fünfminütiges Video über das Buch.

Warum solltest Du dieses Buch lesen?

Nun, es ist nicht ein Buch das wir jedermann empfehlen. Es ist sehr ausführlich, und liest sich bisweilen mühselig. Aber wenn Du Dich für die Psychologie des Entscheidens interessierst, und Dich ganze Kapitel die detailliert darlegen warum Menschen in manchen Situationen zutiefst irrational und unlogisch denken (auch wenn sie glauben rational und logisch zu denken), dann ist es ein sehr lesenswertes Buch.

Verhaltensökonomie ist ein faszinierendes Forschungegebiet, und Daniel Kahnemann ist wie kaum ein anderer geeignet dieses Feld in einem Buch darzustellen. Das ist ihm ihn den 40 Kapiteln dieses Buches meisterhaft gelungen. Und im Gegensatz zu vielen populärwissenschaftlichen Büchern hält dieser Bestseller kritischen Überprufungen stand. Durch die Beigabe vieler psychologischer Experimente und Gedankenspiele wird die Materie verständlich gemacht, jedoch auf eine Art und Weise die auch für Experten interessant und aufschlussreich ist.

Gerade das erste Drittel des Buches ist auch durchaus unterhaltsam, danach wird es teilweise etwas trocken.

 

  1. Auch wenn wir von zwei mentalen Systemen sprechen – es sind nicht wirklich zwei mentale Systeme. Es ist eine willkürliche Unterscheidung die Daniel Kahnemann getroffen hat, die uns hilft die Komplexität des Themas so weit zu vereinfachen, dass wir damit arbeiten können. Es ist ein vereinfachendes Modell. []
  2. im Englischen: prospect theory []

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