Das alternde Gehirn – Verlieren wir wirklich ein Drittel unserer Gehirnzellen?

Wissenschaftliche Studien haben ergeben, dass wir im Alter ungefähr 30% unserer Gehirnzellen verlieren. Allerdings sind das alte wissenschaftliche Studien. Oder genauer gesagt: veraltete wissenschaftliche Studien.

Denn heute weiß man, dass das garnicht der Fall ist.

Die Seattle Longitudinal Study ist eine Studie, die langfristig untersucht wie der Geist eines Menschen sich verändert wenn er altert.

Wo wir tatsächlich nachlassen

Dieser Studie zufolge gibt es nur zwei geistige Fähigkeit, die tatsächlich mit zunehmendem Alter schwächer werden:

  1. die Geschwindigkeit, mit der wir unsere Sinneswahrnehmungen verarbeiten
  2. unsere Geschicklichkeit im Umgang mit Nummern.

Was den Umgang mit Nummern angeht – es ist nicht wirklich so tragisch, Taschenrechner kosten nur noch ein paar Euro und sind oft schon im Handy mit dabei.

Und auch was die Verarbeitung unserer Sinneswahrnehmungen angeht, brauchen wir nicht wirklich Tränen zu vergießen. Ja, ein Karrierewechsel vom Buchmacher zum Stuntman ist vielleicht keine realistische Option mehr, aber Geschwindkgeit ist nicht alles.

Junge Menschen haben eine höhere Verarbeitungsgeschwindigkeit, aber das schützt sie auch nicht davor viele Fehler zu machen. Die paar Millisekunden, die man im Alter an Geschwindigkeit verliert, kann man durch einen reichen Erfahrungsschatz mehr als gutmachen.

Mehr Hirnsubstanz mit 50 als mit 20?

Vergleichen wir unser Gehirn für einen Augenblick mit dem Internet. Die Hälfte davon besteht aus den Computern – der grauen Hirnsubstanz. Die andere Hälfte besteht aus weißer Hirnsubstanz, und die besteht größtenteils aus Axonen und Myelin. Axone sind im Grunde genommen „Kabel“, über die Information geschickt wird, und Myelin ist sowas wie ein Isolations-Schlauch für die Kabel. Je mehr Myelin um ein Axon herum ist, desto schneller und besser kann Information über das Axon transportiert werden.

Das Schöne ist: je älter Sie werden, desto mehr Myelin produzieren Sie. Und das bedeutet: je älter Sie werden, desto schneller wird Information in Ihrem Gehirn verarbeitet und einsortiert. Zusammenhänge werden schneller erkannt als in jungen Jahren.

Und das ist noch nicht alles: unser Urteilsvermögen beispielsweise wird im Alter auch stärker, genauso wie unsere Fähigkeit Handlungsimpulse zu kontrollieren. Diese Fähigkeiten liegen vor allem in zwei Regionen unseres Gehirns: dem präfrontalen Cortex und dem Scheitellappen

Der Scheitellappen spielt auche eine Rolle dabei lang zurückliengende Erinnerungen wieder ins Gedächtnis zu rufen, und Forscher haben festgestellt dass Erinnerungen im Laufe der Jahre vom Hippocampus zum Scheitellappen wandern. Das ist wohl mit einer der Gründe, warum alte Menschen sich so oft noch ganz klar an lang zurückliegende Ereignisse, wie zum Beispiel Kindheitserlebnisse, erinnern können.

Interessant ist: Sowohl der präfrontale Cortex als auch der Scheitallappen bilden sich etwa bis zu unserem  45. bis 50. Lebensjahr aus.

Junge Hitzköpfe und die Weisheit des Alters

Deshalb neigen zum Beispiel 20jährige eher zu hitzköpfigem – und dummen – Verhalten als 60jährige. Und deshalb hört man auch sehr selten den Ausspruch: „ein weiser 20jähriger“. Weisheit ist etwas, das allgemein mit hohem Alter assoziiert wird, und zwar zurecht.

Auch wenn heutzutage in unserem Kulturkreis ältere Menschen oft auf’s Nebengleis abgestellt werden, so kann man sich doch kaum vorstellen, einen 20jährigen Bundeskanzler das Land führen zu lassen, und ich persönlich würde einen 50jährigen Gehirnchirurgen auch einem 28jährigen vorziehen. Und in anderen Kulturkreisen wird die Weisheit der alten noch immer hoch geschätzt.

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