Das Gedächtnis spielt Stille Post

Je öfter Du Dich an etwas erinnerst, desto mehr verfälscht sich die Erinnerung.

Es ist ein bisschen wie das Spiel “Stille Post”: je öfter eine Nachricht wiederholt wird, desto mehr verfremdet sie sich. Das haben Forscher jetzt in einer Studie, auf die wir gleich noch eingehen werden herausgefunden.

Paralleluniversen der Erinnerung

Wenn Du Geschwister hast kennst Du vielleicht das Phänomen der “Parelleluniversen”. Ein Freund von mir, Stefan saß mal mit seinem Bruder Tobias am Frühstückstisch bei mir. Irgendwie kam dann eine alte Kindheitsgeschichte auf. Stefan sagte sowas wie: “Dann hau mir aber nicht nochmal mit auf die Nase.”

Und sein Bruder Tobias antwortete: “Na solang Du mich nicht trittst wird das schon nicht passiert, keine Sorge.”

Und daraus entfachte dann eine Diskussion. Stefan konnte sich noch genau daran erinnern dass Tobias ihm als Kind aus purer Boshaftigkeit mit einem Kochlöffel auf die Nase gehauen hat.

Aber Tobias konnte sich noch genau daran erinnern wie Stefan nach ihm getreten hat und nicht aufgehört hat, so lange bis er sich dann mit einem Kochlöffel verteidigt hat.

Beide waren der festen Überzeugung dass ihre Version die richtige Version war. Die Diskussion wurde so hitzig dass ich schon beinahe vorsichtshalber den Kochlöffel aus Sichtweite entfernt hätte ;)

Wie kann das sein? Nun, tatsächlich sagen beide die Wahrheit. In ihrer Erinnerung hat beides so stattgefunden wie sie es geschildert haben. Doch ihre Erinnerung ist keine Eins-zu-Eins Kopie der Realität.

Die wissenschaftliche Studie über das Gedächtnis

Die Forscher rekrutierten 12 Versuchsteilnehmer um an Gedächtnistests teilzunehmen, über einen Zeitraum von drei Tagen.

Tag 1: Die Versuchsteilnehmer legen 180 Objekte an vorgegebenen Positionen ab. (Das Ganze fand auf einem Computerbildschirm statt).

Tag 2: Die Teilnehmer sollten die Objekte wieder so anlegen wie am ersten Tag.

Tag 3: Die Teilnehmer sollten die Objekte wieder so anlegen wie am ersten Tag.

Dann werteten die Forscher die Ergebnisse aus und stellten fest: am dritten Tag legten die Teilnehmer die Objekte mehr in der gleichen Weise an wie am zweiten Tag.

Die Studie1 erschien im Journal of Neuroscience und wurde von Donna Bridge geleitet. Bridge ist eine promovierte wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Northwestern University’s Feinberg School of Medicine.

Jedes mal wenn wir eine Erinnerung abrufen lassen wir dabei etwas aus oder fügen etwas hinzu – und so verfremdet sich eine Erinnerung zusehends. Unser Gehirn kann nicht wirklich unterscheiden zwischen der tatsächlichen Erinnerungen, und dem nachfolgenden Abrufen der Erinnerungen.

 

  1. Neural Correlates of Reactivation and Retrieval-Induced Distortion, Donna J. Bridge and Ken A. Paller, The Journal of Neuroscience, 29 August 2012, 32(35): 12144-12151; doi: 10.1523/JNEUROSCI.1378-12.2012 []

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