Das unverbesserliche Gehirn – ein hartnäcker Mythos

Für viele Jahre waren sich die Experten einig: Die Funktionsweise und Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns ist genetisch bedingt, und lässt sich nicht verbessern. Wer schlau auf die Welt kommt hat es leichter, und wer nicht so schlau auf die Welt kommt, der muss sich eben damit abfinden, und kann allenfalls durch vermehrte Anstrengungen sein Defizit teilweise kompensieren, aber wirklich schlauer (oder weniger dumm) wird er oder sie dadurch nicht.

Es gibt viele Gründe warum Wissenschaftler dieser Theorie anhingen, doch hauptsächlich lässt es sich auf drei Ursachen zurückführen: einerseits war bei Patienten mit Hirnschädigungen ersichtlich, dass ein Schaden der durch Verletzung oder Krankheit zustande kam, nur selten wieder repariert werden kann. Wenn ein bestimmtes Funktionsareal des Gehirns zum Beispiel bei einem Autounfall zu schaden gekommen ist, und dabei eine Fähigkeit verloren gegangen ist, war dieser Verlust meist permanent.

Als zweite Begründung für die Theorie des unverbesserlichen Gehirns war die Tatsache, dass man das Gehirn wie eine Maschine betrachtete. In naher Vergangenheit – und auch heute noch – vergleicht man das Gehirn gerne mit einem Computer, doch es gibt einige grundlegende Unterschiede zwischen der Funktionsweise des Gehirnes und der Funktionsweise eines Computers.

Und der dritte Grund weshalb Experten der Meinung waren das Gehirn sei unverbesserlich war die Tatsache, dass Wissenschaftler die Aktivität des Gehirnes nicht wirklich verstanden. Das, was im Gehirn vorging war größtenteils uneinsichtlich – es fehlte an Gerätschaften um die Funktionsweise des Gehirns zu entschlüsseln.

Man ging davon aus, dass das Gehirn wie ein Computer mit bestimmte Schaltkreisen zur Erfüllung bestimmter Funktionen ausgestattet sei, und dass dies Schaltkreise genauso unveränderlich seien wie die Schaltkreise in einem Computerchip.

Bereits vor Jahrenzenten gab es jedoch Forscher, die dem heute allgemein anerkannten Begriff Neuroplastizität auf die Schliche kamen. Sie entdeckten, dass das Gehirn keinesfalls nur aus unabänderlichen Schaltkreisen besteht. Stattdessen konnten sie beobachten, dass das Gehirn über eine erstaunliche Wandelbarkeit verfügte. Wenn nötig, und unter den richtigen Voraussetzungen, konnten spezialisierte Hirnareale sich komplett restrukturieren, und völlig neue Funktionen erfüllen.

Diese neuen Erkenntnisse wurden jedoch keinesfalls mit offenen Armen von der wissenschaftlichen Gemeinschaft in Empfang genommen. Stattdessen machten „seriöse“ Wissenschaftler sich oftmals hinter mehr oder weniger vorgehaltener Hand über ihre naiven Kollegen lustig, die der fixen Idee aufgesessen sind, dass das Gehirn sich tatsächlich verändern könne.

Im Laufe der Jahre jedoch untermauerten immer mehr Studien und neue Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften die fixen Idee der naiven Kollegen – bis schließlich Neuroplastizität allgemein anerkannt wurde. Dieser Prozess hat einige Jahrzehnte gedauert – doch selbst heute noch finden sich Mediziner und Experten die meinen, Neuroplastizität sei ein arg überstrapazierter Begriff der nur sehr begrenzt von praktischem Nutzen ist. Die Ursache für dieses Misstrauen in die Wandelbarkeit des Gehirnes liegt jedoch nicht so sehr darin, dass diese Experten gut informiert sind, sondern dass sie aus persönlicher Erfahrung – und dies trifft besonders für praktizierende Mediziner zu – oft erlebt haben, wie unwandelbar und starr das Gehirn doch ist. Patienten mit Schlaganfall die danach unter permanenten Funktionsverlusten leiden und so weiter – jedoch sind diese Erfahrungen oftmals eher auf den Mangel effektiver Therapieverfahren begründet, und keineswegs darauf, dass das Gehirn an sich nicht imstande sei sich neu zu organisieren und lokale Schäden zu kompensieren. Mit mentalem Training lässt sich jedoch vieles bewerkstelligen.

Wie so häufig sollte man auch hier mit Generalisierungen vorsicht sein, doch generell gilt: Das Gehirn ist auch heute noch zu mehr Veränderung imstande, als die meisten Menschen glauben. Es ist möglich den IQ eines Menschen zu verbessern, (vermeindlich) im Gehirn verkabelte Lernstörungen zu überwinden und es gibt medizinisch dokumentierte und unangefochtene Fälle von Blinden die das Sehen gelernt haben – allein dank der Fähigkeit ihres Gehirns sich neu zu organisieren.

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