Lesen & Gehirn: Was in Deinem Gehirn passiert wenn Du Geschichten liest

Was passiert in Deinem Gehirn während Du ein Buch liest?

Dieser Frage hat sich eine Gruppe von Wissenschaftlern1 in den USA gewidmet.

Mit Hilfe von Gehirnscannern2 haben die Forscher Probanden beim Lesen beobachtet - genauer gesagt, die Forscher haben die Gehirne der Probanden beim Lesen beobachtet.

Solch eine Studie bringt einige Schwierigkeiten mit sich. Gehirnscanner funktionieren am besten wenn Menschen regungslos sind: je mehr sie sich bewegen, desto weniger aussagekräftig die Daten aus dem Scanner.

Deswegen wurden den Lesern insgesamt vier Kurzgeschichten Wort-für-Wort auf einem Bildschirm dargestellt.

Jede der vier Geschichten waren alle unter 1500 Worte lang und handelten von den Tätigkeiten eines kleinen Jungen. Insgesamt dauerte das Lesen aller vier Geschichten etwa 40 Minuten, während die Probanden im Gehirnscanner lagen.

Die Wissenschaftler haben sich die Geschichten ganz bewusst ausgewählt. Denn jede Geschichte sollte bestimmte Elemente beinhalten, damit sie für die Auswertung der Studie von Nutzen sein würden.

Zum Beispiel beinhaltete eine Geschichte, dass der Junge an einer Schnur zieht. Die Forscher wussten, dass das Ausführen dieser Tätigkeit bestimmte Bereiche im Frontallappen aktiviert. Und tatsächlich: auf ihren Bildschirmen konnten die Forscher erkennen, dass genau diese Hirnbereiche deutlich aufleuchteten, wenn die Probanden die entsprechende Textstelle lasen.

Zu welcher Erkenntnis kamen die Wissenschaftler durch derartige Beobachtungen?

Nun, vielleicht eine Erkenntnis die im Grunde genommen so überraschend garnicht ist: wenn Du ein Buch liest erschaffst Du Fantasiewelten, virtuelle Realitäten, Simulationen in Deinem Kopf. Lesen ist keinesfalls nur "passives Konsumieren", sondern mentale Aktivität: Du erschaffst etwas in Deinem Geiste.

Doch es geht noch weiter.

Tuwörter tun

Sebastian greift nach dem Kugelschreiber.

Steffanie tritt den Ball.

Während Du diese beiden Sätze liest ist nicht nur das Sprachzentrum in Deinem Gehirn aktiv, sondern auch Dein Motorcortex - der Bereich Deines Gehirns der aktiv wird wenn Du Dich bewegst. Eine Studie aus Frankreich5 hat gezeigt, dass die Aktivierung sogar sehr fein differenziert ist: Versuchspersonen die beispielsweise gelesen haben, dass jemand nach etwas greift, zeigten Gehirnaktivität im Motorcortex die typisch ist für Greifbewegungen mit dem Arm. Versuchspersonen die gelesen haben dass jemand nach etwas tritt zeigten Gehirnaktivität in dem Bereich vom Motorcortex, der am meisten in Bewegungen des Beines involviert ist.

Metaphern erleben

Auch Metaphern erleben wir in unserem Gehirn sinnlich:

Es ist ein rauer Tag gewesen.

Während Du obigen Satz liest aktiviert sich in Deinem Gehirn ein Bereich der dafür zuständig ist Textur zu erfühlen, zu erkennen wie sich die Oberfläche von etwas anfühlt.

Der Singer hatte eine samtige Stimme.

Gehirnscans haben gezeigt6 dass bei Versuchspersonen Bereiche im Gehirn aktiviert werden die Texturen wahrnehmen, nicht jedoch wenn man den Satz so formuliert:

Der Sänger hatte eine angenehme Stimme.

Denn das Wort samtig hat eine kinesthetische Qualität, das Wort angenehm jedoch ist neutral, weniger sinnlich und mehr abstrakt. Etwas kann sowohl angenehm klingen, wie auch angenehm aussehen, wie auch angenehm schmecken, riechen, usw. Es ist kein sinnesspezifisches Wort.

Worte riechen

Versuchspersonen die Worte wie Zimt, Lavendel, Parfüm und so weiter lesen verarbeiten diese Worte nicht nur in der Sprachregion des Gehirns3, sondern auch in den Gehirnbereichen die Gerüche verarbeiten.

Was jedoch wenn die Versuchspersonen Worte wie Schlüssel oder Stuhl gelesen haben?

Dann war keine Aktivität in den Geruchs-Bereichen des Gehirns auf den Bildschirmen der Wissenschaftler erkennbar. Das hat eine im Jahr 2006 veröffentlichte Studie gezeigt4.

Doch wir nehmen Geschichten nicht nur sinnlich wahr, sondern wir erleben sie auch auf zwischenmenschliche Weise. Auch die Interaktion zwischen fiktiven Charakteren erleben wir im Gehirn so als ob wir tatsächlich mit anderen interagieren.

Geschichten Lesen = mehr Sozialkompetenz?

Geschichten erlauben uns in die Haut eines anderen Menschen zu schlüpfen - und Dinge durch seine Augen zu betrachten. Wenn wir etwas über einen fiktiven Charakter lesen, und in unserer Vorstellung erleben wie dieser Charakter denkt und fühlt, dann scheint sich dies tatsächlich positiv auf unsere Sozialkompetenz auszuwirken.

Studien haben gezeigt, dass Menschen die viele Geschichten lesen im Durchschnitt besser darin sind andere Menschen zu verstehen als Menschen die keine Geschichten lesen.7

Und das fängt schon im frühen Alter an. Studien mit Vorschulkindern haben gezeigt, dass Kinder denen viele Geschichten vorgelesen wurden besser imstande sind, sich in andere Menschen hineinzuversetzen8.

 

Lesen als Mentaltraining

Geschichten lesen ist also keineswegs nur ein unterhaltsamer Zeitvertreib. Es ist wirklich eine Art von Mentaltraining.

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    1. Readers build vivid mental simulations of narrative situations, brain scans suggest (Phys.org)
    2. Funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRI)
    3. Die Sprachregionen des Gehirns sind das Broca-Areal und das Wernicke-Zentrum.
    4. González, J., Barros-Loscertales, A., Pulvermüller, F., Meseguer, V., Sanjuán, A., Belloch, V., & Avila, C. (2006). Reading cinnamon activates olfactory brain regions. NeuroImage, 32(2), 906-912 (PDF Download)
    5. Boulenger V, Hauk O, Pulvermüller F (2009)“Grasping ideas with the motor system: semantic somatotopy in idiom comprehension.” Cereb Cortex 19(8):1905-14
    6. S. Lacey, R. Stilla and K. Sathian. Metaphorically Feeling: Comprehending Textural Metaphors Activates Somatosensory Cortex. Brain & Lang. (2012)
    7. Mar, R. A., Oatley, K., & Peterson, J. B. (2009). Exploring the link between reading fiction and empathy: Ruling out individual differences and examining outcomes. Communications, 34, 407–428. und Mar, R. A., Oatley, K., Hirsh, J., dela Paz, J., & Peterson, J. B. (2006). Bookworms versus nerds: Exposure to fiction versus non-fiction, divergent associations with social ability, and the simulation of fictional social worlds. Journal of Research in Personality, 40, 694–712.
    8. Mar, R. A., Tackett, J. L., & Moore, C. (2010). Exposure to media and theory-of-mind development in preschoolers. Cognitive Development, 25, 69–78 (PDF Download)

 

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