Prof. Dr. Gerald Hüther über Neuroplastizität und Gesundheit

Prof. Dr. Gerald Hüther hat kürzlich einen Vortrag auf dem Hauptstadtkongress 2011 gehalten. Ich empfehle den Vortrag einfach selbst in seiner vollen Länge anzuschauen (ganze 50 Minuten), seine Aussagen sind sehr im Geiste dieses Blogs und entsprechen Überzeugungen und Einsichten, die mich dazu bewegt haben diese Internetseite zu erstellen. Auch die Bücher und CDs von Gerald Hüther sind äußert lehrreich und unterhaltsam.

Aber wenn Du die Zeit nicht hast, oder erstmal sehen möchtest ob das für Dich interessant ist, hier ein kurzer (und vereinfachter) Überblick über den Inhalt seines Vortrages:

  • Jede Heilung ist Selbstheilung (und Medizin kann dieser Prozess nur unterstütztend begleiten)
  • Plastizität des Gehirns ist erstaunlich. Beispiel: junge Frau in ihren 20ern der als Kind halbe Cortex entfernt wurde (u.a. der Teil der für analytisches Denken und Sprache verantwortlich ist), und die nicht nur einwandfrei sprechen konnte sondern auch als technische Zeichnerin täglich analytisch denken musste. All die Funktionen die bei anderen Menschen auf zwei Hirnhälften untergebracht sind, sind bei ihr auf einer Hälfte untergebracht – das Gehirn hat sich neu organisiert.
  • noch vor wenigen Jahren glaubte man, dass “Mongos” aufgrund ihres Gendefektes intellektuell zu nichts fähig sein und auch nicht zur Schule könnten – heute gibt es Menschen mit Down-Syndrom die Abitur gemacht haben und studieren. Einfach weil man Bedingungen für diese Leute geschafft hat, in denen Sie erfolgreich eine akademische Laufbahn durchlaufen können. (Hinweis: Der Begriff “Mongos” sollte heute nicht mehr benutzt werden. Stattdessen sind “Menschen mit Trisomie 21″ und “Menschen mit Down-Syndrom” akkuratere Beschreibungen. Für den Fall dieses Beitrags haben wir uns entschlossen den Begriff zu verwenden, um einen deutlichen Gegensatz zwischen der veralteten, jedoch leider noch immer verbreiteten Wahrnehmung und dem was wir heute über das geistige Potential von Menschen mit Trisomie 21 wissen zu verdeutlichen.)
  • Lebende Systeme sind in der Lage Selbstorganisationsprozesse in Gang zu setzen.
  • Selbstorganisation hängt vor allem von den Bedingungen ab, in denen die Selbstorganisation stattfindet
  • Was für Bedingungen brauchen Menschen damit Selbstheilungskräfte aktiviert werden können?
    • Der Patient muss gesund werden (oder bleiben) wollen
    • Der Patient muss dem der ihm helfen will vertrauen
      • Patient muss verstehen was passiert
      • Patient muss das Gefühl haben er am Prozess teilhaben kann
      • Patient muss das Gefühl haben dass das was mit ihm passiert sind macht
    • Der Wille zur Gesundheit ist eine Haltung
      • Haltungen sind nicht angeboren, sondern werden im Laufe des Lebens erworben – sie ergeben sich durch ihre Erfahrungen und Wahrnehmungen. Diese Erfahrungen werden in der präfrontalen Rinde verankert.
      • Haltungen bestimmen darüber was wir beachten und nicht beachten, wie wir denken, handeln, fühlen, was wir glauben und nicht glauben.
      • Deshalb: verändert werden muss nicht das Verhalten, sondern die Haltung, die das Verhalten beeinflusst
      • Gefühlsnetzwerk und Wahrnehmungsnetzwerk werden miteinandern verkoppelt – das heißt, Gefühle beeinflussen auch was und wie wir wahrnehmen (und umgekehrt). Wenn bestimmte Gefühle immer wieder auftauchen gemeinsam mit bestimmten Wahrnehmungen entstehen daraus Haltungen.
      • Warnungen auf Zigarettenpackungen funktioniert oftmals ncht, weil sie nur das kognitive Netzwerk ansprechen, anstatt auch Gefühle auszulösen – Wissen kann Haltungen nur geringfügig beeinflussen. Nicht belehren.
      • Doch auch nur auf Gefühlsbasis beeinflussen funktioniert auch nicht. Nicht belohnen und bestrafen.
      • Nochmal: nicht Verhalten ändern, sondern innere Einstellung (Haltung). Und wie Haltungen ändern? Den Leuten neue Erfahrungen ermöglichen.
      • Wie neue Erfahrungen ermöglichen?
        • einladen
          • setzt vorraus das man irgendetwas am Patienten mag. MÖGEN.
        • ermutigen
        • inspirieren
  • hirntechnisch kommen Kinder zur Welt nicht mit genetischen Programmen die vorbestimmen, sondern die viel mehr bereitstellen als tatsächlich gebraucht wird
  • Studie aus England hat gezeigt: eine Region hat sich in den letzten 10 Jahren fast verdoppelt. Welche? Der bereich, der für die Steuerung der Daumenbewegung zuständig ist (SMS & Handynutzung)
  • Im Hirn wird das Verankert was häufig benutzt wird.
  • Man dachte Gehirn sei wie ein Muskel, aber das ist auch noch nicht korrekt.
  • Falsch: Gehirnentwicklung genetisch vorbestimmt. Falsch: Gehirnentwicklung wie es benutzt wird. Richtig: Gehirn entwickelt sich der Begeisterung folgend. Das wofür man sich begeistert ist das, was Hirnentwicklung am stärksten beeinflusst.
    • Beispiel: Daumenrepräsentanz im Gehirn bei Jugendlichen so vergrößert, weil sie mit begeisterung SMS schreiben – würde jemand ohne Begeisterung jeden Tagn stundenlang SMS schreiben, würde sich der Bereich des Gehirns kaum vergrößern, weil Begeisterung fehlt.
  • Begeisterung oder Freude ist Dünger für’s Gehirn
  • Kinder haben jeden Tag zig Begeisterungsstürme im Gehirn.
  • Durch die Begeisterung werden im emotionale Zentren aktiviert (im Mittelhirn liegend Hirnregionen die mit ihren langen Fortsätzen in höhere Hirnregionen reichen. Und an den Enden dieser Fortsätze werden immer dann wenn man sich für etwas begeistern kann neuroplastische Botenstoffe ausgeschüttet.)
  • Das gleiche nochmal wissenschaftlich: die Botenstoffe führen dazu dass in einem rezeptorvermitteltem interzellulären Signaltransduktionsprozess Genexpression plötzlich verändert wird. Der Zellkern fängt an neue Eiweiße zu machen die er schon möglicherweise seit langer Zeit nicht mehr gemacht hat.
  • auch ein 85jähriger Berlin könnte – vom hirntechnischen Standpunkt aus – noch chinesisch lernen, WENN er sich dafür begeistern könnte.
  • was Menschen brauchen damit sie ihre Potentiale entfalten können:
    • spüren dass man dazugehört
      • das Gefühl dass es in der Welt Menschen gibt mit denen man sich verbunden fühlen kann
    • spüren dass man gewachsen ist
      • die Erfahrung des über sich hinauswachsens, immer größer werdender Autonomie
    • ALSO: Verbundenheit UND Freiheit – beides gleichzeitig.
  • man kann gleichzeitig zusammengehören und frei sein
  • WENN einem die Erfahrung fehlt gemeinsam mit anderen über sich selbst hinauszuwachsen, DANN braucht man Ersatzbefriedigungen. (Weil man nicht findet was man braucht, findet man was man kriegen kann). Ersatzbefriedigungen sind ungesund.
  • Menschen mit ungestillten Bedürfnissen. Je mehr Menschen daran leiden, dass sie nicht zeigen können was sie können, und dass sie nicht dazugehören, desto besser lassen sich Ersatzbefriedigungsangebote vermarkten.
  • Wir müssten die Art und Weise wie wir miteinander umgehen verändern.
    • individualisierte Gemeinschaften
    • jeder hat mit seinen eigenen Fähigkeiten einen Platz in der Gemeinschaft
    • UND die Gemeinschaft weiß wo sie hinwill (der Sinn)
  • Haltung eines Einzelnen ist wie der Sinn einer Gemeinschaft
  • Krankenhäuser sollten eigentlich Bedingungen bieten, in denen man kranken Menschen helfen kann wieder gesund zu werden, denn “gesund machen” kann man sowieso niemanden. (In einem solchen Krankenhaus herrscht dann auch ein gemeinsamer Geist).

Hier kannst Du den ganzen Vortrag von Professor Dr. Gerhard Hüther anschauen.

Und wenn Ihnen der Vortrag gefallen hat empfehle ich Ihnen auch dieses Buch von Professor Hüther:

{ 2 comments… read them below or add one }

Petra Beck October 12, 2012 at 21:49

Vielen Dank für Ihre Ausführungen zu Prof. Dr. Hüther.
Als Mutter eines Kindes mit Down-Syndrom interessiere ich mich sehr für die Thematik.
Leider muss ich kritisieren, dass Sie auf dieser Site das Wort “Mongos” erwähnen. Dies ist für alle Menschen mit Down-Syndrom sowie für Mongolen diskriminierend. Ich möchte Sie
bitten, diesen Begriff zu ersetzen! Passend wäre “Menschen mit Trisomie 21″ oder “Menschen mit Down-Syndrom”. Vielen Dank.
Mit freundlichen Grüßen, Petra Beck
ps. Menschen mit Down-Syndrom “leiden nicht unter..” wie man es auch manchmal liest, sondern sie haben es.

Mentaltrainer October 18, 2012 at 14:31

Liebe Frau Beck,

vielen Dank für Ihren Kommentar.
Ich habe das Wort “Mongos” in diesem Zusammenhang bewusst genutzt weil Menschen mit Trisomie 21 früher so genannt wurden, auch um den verbreiteten Irrglauben dass diese Menschen keine intellektuellen Fähigkeiten besitzen mit dem gegenwärtigen Wissensstand in Kontrast zu setzen.
Ich habe dies nun versucht im Beitrag deutlich zu machen durch den anschließenden Hinweis.

Leave a Comment

Previous post:

Next post: