Sport hilft nicht gegen Depressionen? Wirklich?

Eine kürzlich veröffentlichte Studie1 hat dazu geführt, dass vielerorts berichtet wird: Sport hilft doch nicht gegen Depressionen! Das Ärzteblatt schrieb zum Beispiel im Artikel Sport kein Heilmittel gegen Depressionen die Studie “war gut durchdacht”.

Und in der Tat ist die Studie selbst nicht schlecht durchdacht – die die Art wie über die Studie berichtet wird ist leider sehr unglücklich.

Die Studie hat nicht untersucht wie Sport gegen Depressionen wirkt, sondern wie die Ermutigung durch jemand anderen Sport zu treiben gegen Depression wirkt.

360 Versuchsteilnehmer mit Depressionen wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Beide Gruppen wurden standardmäßig gegen Depressionen behandelt (also psychotherapeutische Interventionen, Gesprächstherapie, Medikamente, usw.) Eine Gruppe erhielt jedoch zusätzliche Betreuung durch speziell geschulte Coaches die sie dazu motivieren sollten Sport zu treiben.

Wie genau sah diese “Betreuung” aus? Nun, die Betreuer trafen sich drei mal mit den depressiven Patienten und telefonierten 10 mal über den Zeitraum eines Jahres mit ihnen.

Sie versuchten die Patienten dazu zu motivieren 150 Minuten pro Woche körperlich aktiv zu sein.

Nach vier Monaten berichteten 52% der Versuchsteilnehmer aus der “Sportgruppe” dass sie tatsächlich 150 Minuten pro Woche körperlich aktiv seien.

Im Vergleich: in der “Nicht-Sportgruppe” berichteten 43% 150 Minuten pro Woche körperlich aktiv zu sein. Der Unterschied war also schonmal sehr gering – gerademal 9%.

Nun kommt noch dazu, dass es sich um Selbsteinschätzungen handelt – die Prozentzahlen basierten also auf den unüberprüften Aussagen der Versuchsteilnehmer.

Und selbst in der Sportgruppe berichteten bis zu 58% bei einer der verschiedenen Befragungen dass sie nicht körperlich aktiv waren – und trotzdem wurden diese Leute zur Sportgruppe gezählt.

Auch die Definition von “Sport” lässt hier viel Freiraum für Interpretation: ein Gang zum Bäcker oder Laden zum Beispiel zählte in diesem Fall schon als “Sport”.

Es gibt so viele Ansatzpunkte zur Kritik, dass wir vorerst doch mit dieser Meta-Analyse2 von mehreren randomisierten kontrollierten Studien halten, welche zu dem Schluss gekommen ist dass Sport gegen Depressionen helfen kann:

Exercise reduces depressive symptoms among patients with a chronic illness. Patients with depressive symptoms indicative of mild-to-moderate depression and for whom exercise training improves function-related outcomes achieve the largest antidepressant effects.

 

  1. Chalder, M., Wiles, N., Campbell, J., Hollinghurst, S., Haase, A., Taylor, A., Fox, K., Costelloe, C., Searle, A., Baxter, H., Winder, R., Wright, C., Turner, K., Calnan, M., Lawlor, D., Peters, T., Sharp, D., Montgomery, A., & Lewis, G. (2012). Facilitated physical activity as a treatment for depressed adults: randomised controlled trial BMJ, 344 (jun06 1) DOI: 10.1136/bmj.e2758 []
  2. Herring MP, Puetz TW, O’Connor PJ, Dishman RK. Effect of exercise training ondepressive symptoms among patients with a chronic illness: a systematic reviewand meta-analysis of randomized controlled trials. Arch Intern Med. 2012 Jan23;172(2):101-11. Review. PubMed PMID: 22271118. []

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