Was ist Embodiment?

Wie Bleistifte gute Laune, heißer Kaffe gutgläubig, Botoxinjektionen gefühlstaub und Rolltreppen großzügig machen.

Was ist Embodiment? Nun, übersetzt man diesen Begriff wortwörtlich ins Deutsche so kommen dabei diese Worte zutage: Verkörperung, Darstellung, Inkarnation, Ausführungsform, Gestaltung, Inbegriff, Ausführungsart.

Unter diesen trifft das Wort Verkörperung das Konzept wohl am besten.

Es beschreibt eine Idee aus den Kognitionswissenschaften, nämlich: Dein Körper beeinflusst Dein Denken und Fühlen. Deine körperlichen Empfindungen und Bewegungen wirken auf Deinen Geist.

Eigentlich ist es eine naheliegende Idee, und umso überraschender ist es, wie “neu” diese Idee doch ist. Vielleicht liegt es ja auch an der Trennung die wir im westlichen Denken zwischen Körper und Geist erschaffen haben – die weitestgehend auf Descartes zurückgeführt wird. Doch nichtsdestotrotz hält Embodiment einige Überraschungen parat.

Bleistift zwischen den Zähnen macht gute Laune

Wenn Du zum Beispiel einen Bleistift zwischen Deinen Zähnen hälst wirst Du unbewusst besser gelaunt. Klingt lächerlich? Ja, aber wurde bereits 1988 in einem wissenschaftlichen Experiment1 bewiesen.

Warum? Weil wir mit einem Bleistift im Mund die gleiche Muskulatur verwenden die wir verwenden wenn wir lächeln. Und das beeinflusst unsere Emotionen.

In der Studie sollten Versuchsteilnehmer einen Bleistift im Mund halten während sie sich lustige Cartoons anguckten. Eine Kontrollgruppe guckte sich die gleichen Cartoons ohne Bleistift an. Diejenigen mit dem Bleistift im Mund fanden die Cartoons deutlich lustiger.

Schlechtes Gewissen reinwaschen

Menschen die ein schlechtes Gewissen haben oder sich schuldig fühlen haben oftmals ein verstärktes Bedürfnis2 haben gezeigt dass es tatsächlich einen Zusammenhang gibt zwischen körperlicher und moralischer “Sauberkeit”. Jedoch heißt das keineswegs dass saubere Menschen moralisch besser sind, sondern lediglich, dass wenn wir einen moralischen Konflikt haben ein vermehrtes Bedürfnis verspüren uns körperlich zu reinigen.

Solche Ausdrücke wie “ich habe ein reines Gewissen” oder “eine weiße Weste” oder “der hat Dreck am Stecken” sind nicht einfach nur leere Redensarten, sondern spiegeln tiefliegende psychologische Metaphern wieder.

Der Spiegel hat über dieses Phänomen einen Artikel geschrieben.

Warmes Getränk in der Hand schafft Vertrauen und Wärme

Weitere Studien3 haben gezeigt: selbst so etwas scheinbar nebensächliches wie eine Tasse warmen Kaffee in der Hand zu halten führt dazu, dass man einem Gesprächspartner mehr vertraut und psychologische Wärme empfindet, und andere Menschen positiver (großzügiger, mitfühlender) eintschätzt.

In einer anderen Studie bekamen Versuchsteilnehmer einen Geschenkgutschein den sie entweder selbst behalten oder einem Freund schenken konnten. Die eine Gruppe hielt dabei ein Wärmekissen in der Hand, die andere nicht. Diejenigen die ein Wärmekissen in der Hand hatten überließen den Gutschein häufiger einem Freund als diejenigen die kein Wärmekissen in der Hand hatten.

Auch hier wiederum gibt es Metaphern welche diese psychologische Verbindung repräsentieren: “Sie hat ihm die kalte Schulter gezeigt”, “ein warmherziger Mensch”.

In Restaurants wurde zum Beispiel gezeigt dass Kellner die ihre Gäste berühren durchschnittlich ein höheres Trinkgeld bekommen.

Oben großzügig

Eine andere Studie4 hat gezeigt, dass auch unsere Großzügigkeit durch scheinbar irrelevante Faktoren beeinflusst werden.

Er rekrutierte drei Freiwillige die Spenden für die Heilsarmee sammeln sollten. Alle drei hatten 30 Minuten Zeit. Einer stellte sich an das obere Ende einer Rolltreppe, ein anderer stellte sich an das untere Ende eine Rolltreppe und der dritte Spendensammler abseits von der Rolltreppe.

Der Spendensammler der am oberen Ende der Rolltreppe gewartet hat konnte die meisten Spenden sammeln. Warum? Weil die Erfahrung des “Aufsteigens”, des Hinaufgetragen werdens durch eine Rolltreppe scheinbar dazu führt hat, dass die Menschen sich auch moralisch erhoben gefühlt haben, und deshalb hilfsbereiter und großzügiger waren. In vielen Kulturen wird oben mit “gut” und unten mit “schlecht” assoziiert, und das anschaulichste Beispiel dafür ist in der Bibel zu finden: Himmel ist da wo Gott und die Engel hausen, und in der Hölle warten der Teufel.

Botox macht gefühlstaub

Botox ist ein beliebtes Mittel um Falten auszufüllen und eine glatte Haut zu bekommen. Doch laut einer Studie5 wirkt sich Botox negative auf die emotionale Intelligenz aus. Denn da das Gesicht nicht mehr das volle Spektrum an Ausdrucksmöglichkeiten hat (was sich deutlich sehen lässt beim maskenartigen Gesicht von alten Frauen die viel zu viele Botoxbehandlungen hinter sich haben), sind sie auch nicht mehr so gut imstande feine emotionale Unterschiede wahrzunehmen.

Gerald Hüther über Embodiment

Der bekannte Neurowissenschaftler Gerald Hüther spricht in diesem kurzen Video auch über Embodiment, in seiner üblichen sehr anschaulichen Art und Weise. Auch die Bücher von Gerald Hüther sind übrigens sehr unterhaltsam und lehrreich!

  1. Inhibiting and facilitating conditions of the human smile: A nonobtrusive test of the facial feedback hypothesis. Strack, Fritz; Martin, Leonard L.; Stepper, SabineJournal of Personality and Social Psychology, Vol 54(5), May 1988, 768-777. doi: 10.1037/0022-3514.54.5.768 []
  2. verstärkt im Vergleich zu dem Bedürfnis zu putzen oder zu waschen das sie haben wenn sie sich nicht schuldig fühlen – jemand der prinzipiell nicht viel von Waschen hält wird also nicht zwangsläufig zum Putzteufel nur weil er ein schlechtes Gewissen hat) sich zu waschen oder etwas zu putzen. Studien ((Washing Away Your Sins: Threatened Morality and Physical Cleansing, Chen-Bo Zhong and Katie LiljenquistScience 8 September 2006: 313 (5792), 1451-1452. [DOI:10.1126/science.1130726] []
  3. Experiencing Physical Warmth Promotes Interpersonal Warmth, Lawrence E. Williams and John A. Bargh, Science 24 October 2008: 322 (5901), 606-607. [DOI:10.1126/science.1162548] []
  4. Lawrence J. Sanna, Edward C. Chang, Paul M. Miceli, Kristjen B. Lundberg, Rising up to higher virtues: Experiencing elevated physical height uplifts prosocial actions, Journal of Experimental Social Psychology, Volume 47, Issue 2, March 2011, Pages 472-476, ISSN 0022-1031, 10.1016/j.jesp.2010.12.013. []
  5. The effects of BOTOX injections on emotional experience.Davis, Joshua Ian; Senghas, Ann; Brandt, Fredric; Ochsner, Kevin N.Emotion, Vol 10(3), Jun 2010, 433-440. doi: 10.1037/a0018690 []

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